Startseite » Neustart mit 35: Wie Helena Rossa über Umwege Erzieherin wurde
Oranienburg, 16.07.2026 –„Ich wollte nicht mehr nur funktionieren.“ Mit diesem Gedanken begann für Helena Rossa ein Weg, der sie vom Einzelhandel in die Pädagogik führte. Nach 16 Jahren Berufserfahrung, einem nachgeholten Schulabschluss und drei intensiven Jahren an der Mosaik-Fachschule für Sozialwesen hält sie 2026 ihre staatliche Anerkennung als Erzieherin in den Händen. Heute begleitet sie Kinder in der Kita Kinderland – und weiß: Dieser Neustart war jede Herausforderung wert.
Als Helena Rossa im Juli 2026 die Bühne auf dem Campus Oranienburg betritt, hält sie wenige Minuten später ihre staatliche Anerkennung als Erzieherin in den Händen. Für viele ist es der feierliche Abschluss einer Ausbildung. Für die 1987 geborene Absolventin der Mosaik-Fachschule für Sozialwesen der Jugend- und Sozialwerk gemeinnützigen GmbH ist es weit mehr als das: der Lohn für einen Weg, der nicht geradlinig verlief, sondern von Umwegen und der Bereitschaft geprägt war, noch einmal ganz neu anzufangen.
Denn noch vor wenigen Jahren führte Helena Rossa ein völlig anderes Berufsleben. Sechzehn Jahre arbeitete sie im Einzelhandel, übernahm Verantwortung, leitete eine Abteilung und bewegte sich in einem Alltag mit klaren Abläufen. Ein Leben, das Sicherheit bot, bis es sich nicht mehr nach ihrem eigenen anfühlte. Denn 2019 wird Helena Rossa Mutter eines Sohnes. Mit seiner Geburt verändert sich nicht nur ihr Alltag, sondern auch ihr Blick auf das eigene Leben. Plötzlich gewinnen Dinge an Bedeutung, über die sie zuvor kaum nachgedacht hatte: gemeinsame Zeit, Verlässlichkeit, ein Beruf, der sich mit Familie vereinbaren lässt.
Was ihr viele Jahre selbstverständlich erschien, fühlt sich auf einmal nicht mehr stimmig an. Schichtdienst, Wochenendarbeit und wechselnde Arbeitszeiten lassen sich immer schwerer mit dem Familienleben vereinbaren. Es ist kein abrupter Bruch, sondern ein leiser Prozess des Nachdenkens. „Ich habe mich irgendwann gefragt, ob ich mein Berufsleben wirklich so weiterführen möchte“, erinnert sie sich.
Die Antwort findet sie nicht über Nacht, doch mit jeder Woche wächst der Wunsch, beruflich noch einmal neu anzufangen. Dabei denkt sie noch nicht an irgendeinen genauen Beruf. Kinder spielen aber schon immer eine besondere Rolle in ihrem Leben. Als sie mit einem Lächeln erzählt, dass sie als Tante von sieben Kindern praktisch ständig die Betreuung von kleinen Menschen übernahm, wird schnell deutlich, dass diese Nähe sie seit vielen Jahren begleitet. Und es wächst langsam eine Überzeugung: Sie möchte nicht einfach den Arbeitsplatz wechseln. Sie möchte einen Beruf ergreifen, der zu ihr, zu ihrer Familie und zu ihren eigenen Werten passt. Der Entschluss steht fest: Sie bewirbt sich an der Mosaik-Fachschule für Sozialwesen in Oranienburg für das duale Studium zur staatlich anerkannten Erzieherin.
Drei Jahre Ausbildung lassen sich, wenn man den Berliner Absolventinnen und Absolventen glaubt, ungefähr so zusammenfassen: erste Tage voller Kennenlernspiele, sortierte Menschen nach Altersgruppen, Schneeballschlachten und die vorsichtige Hoffnung, dass niemand merkt, dass man beim ersten Word-Dokument schon ins Schwitzen gerät. Später kamen dann Präsentationen vor Lehrkräften, vor Gruppen, online, in der Praxis dazu und irgendwann auch die Erkenntnis, dass Praxismappen offenbar eine eigene Schwerkraft entwickeln. Und doch steckt hinter all diesen Momenten, die heute mit einem Schmunzeln erzählt werden, eine klare Entwicklung.
Doch bevor dieser Weg überhaupt beginnen kann, steht eine klare Hürde im Raum. Die Noten ihres früheren Schulabschlusses reichen nicht aus, um direkt in das duale Studium an der Mosaik Fachschule einzusteigen. Helena Rossa entscheidet sich deshalb, den Mittleren Schulabschluss (MSA) an einer Abendschule nachzuholen. Ein Jahr lang bedeutet das: Unterricht am Abend nach einem Arbeitstag, der oft schon zu lang ist, Lernen in den späten Stunden, ein Alltag, der kaum noch Pausen kennt.
Parallel dazu entsteht der eigentliche Wendepunkt dieses Weges: Über den Träger, die Jugend- und Sozialwerk gemeinnützige GmbH, erhält sie die Möglichkeit, bereits in die Praxis einzusteigen. Sie beginnt in der Kita Kinderland in Oranienburg als Erzieherhelferin, noch ohne formale pädagogische Qualifikation, aber bereits mitten im späteren Berufsfeld.
Dieser Schritt ist weit mehr als ein Übergangsjob. Dank des Kitaleiters Paul Kästner eröffnet er ihr den ersten direkten Zugang zur pädagogischen Praxis – und damit zu dem Beruf, den sie später ergreifen wird. Schule und Alltag greifen hier ineinander: Der MSA wird am Abend nachgeholt, während sie tagsüber bereits in der Kita arbeitet. Ein bewusst gestalteter Weg, getragen von der Entscheidung des Trägers, Entwicklung zu ermöglichen, statt nur Voraussetzungen zu prüfen.
Mit dem abgeschlossenen MSA startete 2022 das duale Studium an der Mosaik-Fachschule für Sozialwesen in Oranienburg. Auch jetzt greifen drei Ebenen ineinander: Studium, Praxis in der Kita Kinderland und Familie. Tagsüber Arbeit mit Kindern, abends Studieninhalte, dazwischen ein Leben, das kaum noch Pausen kennt. „Ich habe oft bis zwei Uhr nachts gelernt“, erzählt sie. „Und morgens ging es wieder weiter.“ Diese Jahre wären kaum möglich gewesen ohne ein Umfeld, das nicht nur unterstützt, sondern den Alltag zeitweise überhaupt erst möglich macht.
Vor allem ihr Ehemann spielt dabei eine zentrale Rolle. Während Helena zwischen Arbeit, Studium und Familie kaum noch freie Stunden kennt, wird er zu der Person, die vieles im Hintergrund auffängt, ohne dass es sichtbar wird. Er übernimmt Abende, organisiert den Alltag mit dem Kind, geht mit ihm raus, wenn sie noch am Schreibtisch sitzt, und schafft damit genau die stillen Zeitfenster, in denen Lernen überhaupt erst stattfinden kann.
„Mein Mann bekommt dafür ein Krönchen“, sagt sie und in diesem Satz steckt mehr als Humor. Es ist Dankbarkeit für eine Entlastung, die nicht selbstverständlich war. Für ein Mittragen eines Weges, der für beide kein einfacher war. Ohne diese stille Verlässlichkeit, sagt sie heute, wäre vieles nicht möglich gewesen.
Auch die Kita Kinderland wird in dieser Zeit zu einem stabilen Gegenpol. Kolleginnen, Kollegen, Leitung und Team sehen nicht nur die berufliche Entwicklung, sondern auch die Belastung dahinter. So entstand ein Netz aus Menschen, das nicht laut ist, aber tragfähig und dass sie durch eine Zeit brachte, in der jede zusätzliche Stabilität entscheidend war, so die 39-jährige. Mit der Zeit verändert sich etwas Grundsätzliches. Aus Anstrengung wird Routine. Aus Unsicherheit wird Erfahrung. Und aus einem Ausbildungsweg wird eine berufliche Identität, die sich nicht mehr nur über Lernen definiert, sondern über das tägliche Arbeiten mit Kindern.
2026 schließt Helena Rossa ihr Studium ab und steht auf der Bühne in Oranienburg. Es ist ein Moment, der von außen wie ein klarer Abschluss wirkt. Für sie selbst ist er eher das Ergebnis eines langen Weges, der nicht geradlinig war, sondern durch viele kleine Entscheidungen, Anpassungen und Durchhaltephasen geprägt wurde.
„Ich bin nicht jemand, die es geschafft hat, weil alles gut lief“, sagt Helena Rossa. Sie sei vielmehr jemand, die geblieben ist, als es schwer war. Und da ist das Bewusstsein, dass dieser Weg nicht nur ein beruflicher Abschluss war. Sondern eine Veränderung im eigenen Leben. Sie hat nicht nur einen Beruf gelernt. Heute arbeitet sie im Elementarbereich der Kita Kinderland, begleitet Kinder zwischen drei und sechs Jahren, gestaltet Eingewöhnungen, ist Teil von ersten Übergängen, ersten Bindungen, ersten kleinen Loslösungen.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie „Abschluss 2026 – Menschen. Haltung. Zukunft.“, in der wir die Abschlussfeier der staatlich anerkannten Erzieherinnen und Erzieher an den Mosaik-Fachschulen aus unterschiedlichen Perspektiven begleiten.