Startseite » Jan Adam: Warum er seinen sicheren Beruf gegen die Ausbildung zum Erzieher tauschte
Oranienburg, 22.07.2026 – Jan Adam, geboren 1991, steht im Sommer 2026 als staatlich anerkannter Erzieher auf der Bühne der Mosaik Fachschule für Sozialpädagogik in Berlin. Für ihn ist dieser Moment kein geradliniger Abschluss eines klassischen Bildungswegs. Er ist das Ergebnis mehrerer Anläufe, körperlich fordernder Jahre und einer Entscheidung, das eigene Leben noch einmal grundlegend neu auszurichten.
Nach der Schule entscheidet sich Jan Adam für die Krankenpflege. Es ist ein Beruf, der ihm zunächst sinnvoll erscheint, ein Beruf mit Nähe zu Menschen, Verantwortung und Struktur. Doch schon die Ausbildung fordert ihn auf eine Weise, die er unterschätzt hat. Die Theorie ist dicht, die Anforderungen hoch. Anatomie, Krankheitslehre, medizinische Zusammenhänge. Stoff, der sich nicht nebenbei lernen lässt, sondern das ganze Denken einnimmt. „Das war kein normales Lernen mehr“, sagt er rückblickend. „Das war eher ein täglicher Kampf mit dem Stoff.“
Und dann ist da der Alltag. Vier Stunden Pendelzeit pro Tag. Oft beginnt sein Weg mitten in der Nacht. Um zwei Uhr morgens fährt er mit dem Fahrrad zum Bahnhof, steigt in den Regionalzug, wechselt in den Bus und läuft den letzten Abschnitt zu Fuß. Um sechs Uhr beginnt die Schicht im Raum Hamburg. Ein Rhythmus, der keinen Raum lässt für irgendetwas anderes. Nach einem Jahr zieht er die Konsequenz: Er bricht die Ausbildung ab. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Erschöpfung.
Er geht nach Berlin und beginnt eine Ausbildung zum Tischler. Diesmal ist alles anders, weil greifbarer, klarer, körperlich nachvollziehbar. Hier findet er etwas, das er lange nicht hatte: Stabilität. Drei Jahre Ausbildung, danach vier Jahre Berufserfahrung. Später die Zusatzqualifikation als Lackierer. Das Handwerk wird zu seiner beruflichen Heimat. Zu etwas, das bleibt, wenn alles andere sich verändert.
Noch heute trägt er seine Zunftkleidung mit Stolz. „Ich trage sie gerne“, sagt er. Und es klingt nicht nach Vergangenheit, sondern nach Zugehörigkeit. Nebenbei baut er heute noch Möbel für Freunde und Familie, oft für kleine Berliner Wohnungen. Besonders Hochbetten werden in Berlin zum „Renner“: funktional, durchdacht, angepasst an enge Räume. Für Jan ein Leben, das funktioniert. Aber noch nicht das letzte Kapitel.
Der entscheidende Bruch kommt nicht über den Beruf, sondern über das Leben. Nach der Geburt seines ersten Sohnes nimmt Jan Adam Elternzeit. Zum ersten Mal verändert sich sein Alltag nicht durch Arbeit, sondern durch Familie. Der Druck fällt ab. Die körperliche Dauerbelastung tritt in den Hintergrund. Stattdessen entsteht etwas Neues: Zeit.
Zeit für sein Kind. Zeit für seinen Alltag. Und Zeit, über den eigenen beruflichen Weg neu nachzudenken. In dieser Phase kommt etwas wieder zum Vorschein, das lange neben dem Handwerk existierte aber unterdrückt war, seine sozial zugewandte Seite, die ihn schon früher interessiert hat. Der Gedanke entsteht langsam, aber klar: Vielleicht ist da noch ein anderer Beruf möglich.
Aus dieser Lebensphase heraus entsteht der Gedanke an die Arbeit mit Kindern. Jan Adam beginnt sich bei Kitas zu bewerben. Über die Jugend- und Sozialwerk gemeinnützige GmbH entsteht schließlich der Kontakt zur Mosaik Fachschule für Sozialpädagogik. Es folgt eine Hospitation in der Berliner Kita Erlebniswald, einen Tag lang, verschiedene Altersgruppen, direkter Einblick in den Alltag mit Kindern. Ein bewusstes Kennenlernen auf beiden Seiten.
Es passt und er bekommt einen Arbeitsvertrag für ein Jahr als pädagogische Unterstützungskraft. Mit klarer Struktur, inklusive Probezeit, in der beide Seiten entscheiden können, ob der Weg passt. Für Jan Adam ist genau das entscheidend. „Das muss in beide Richtungen funktionieren“, sagt er. „Sonst ist es nicht fair.“ Ein Jahr später, 2022 beginnt er das duale Studium an der Mosaik Fachschule für Sozialpädagogik in Berlin.
„Was mir in der Ausbildung wirklich geholfen hat, war, dass ich nicht einfach zwischen Schule und Kita hin- und hergefallen bin“, sagt Jan Adam. Er beschreibt ein Zusammenspiel, das für ihn schnell mehr wurde als nur Organisation: Fachschule, Träger und Praxisstellen arbeiteten eng zusammen, statt nebeneinanderher. „Es gab regelmäßige Treffen mit den Praxisanleitungen, aber auch mit den Fachberaterinnen und Regionalleitungen vom Träger“, erzählt er. „Da wurde nicht einfach nur berichtet, wie es läuft, sondern wirklich gemeinsam draufgeschaut: Was passiert gerade in der Praxis? Was bedeutet das für die Ausbildung?“
Auch die Rückkopplung in die Fachschule sei für ihn entscheidend gewesen. „Dinge aus der Kita sind nicht einfach irgendwo hängen geblieben. Die wurden wieder aufgegriffen, besprochen und eingeordnet.“ Dazu kamen feste Reflexionsgespräche, in denen konkrete Situationen aus dem Alltag angeschaut wurden, nicht abstrakt, sondern direkt aus der Praxis heraus.
„Das war schon intensiv“, sagt er. „Aber genau dadurch hatte ich das Gefühl, dass ich nicht allein durch die Ausbildung gehe. Da war immer jemand, der mit draufschaut.“ Für ihn ist genau das ein Unterschied, der geblieben ist.
Während seiner Ausbildung wächst seine Familie weiter, und durch das tägliche Bringen und Abholen in die Kita seines jüngeren Sohnes entsteht über die Zeit ein vertrautes Verhältnis zur Einrichtung. Aus dieser Nähe entwickelt sich eine berufliche Perspektive, und nach seinem Abschluss wird Jan Adam dort seine Arbeit aufnehmen. Ob er später in der Gruppe seines eigenen Sohnes eingesetzt wird, ist nicht ausgeschlossen, aber: „das entscheidet die Leitung“, sagt er, „und das ist auch richtig so.“ Dann fügt er als Mutmacher an alle da draußen noch hinzu: „Wer überlegt, noch einmal neu anzufangen, sollte sich nicht von seinem Alter oder seinem bisherigen Berufsweg aufhalten lassen. Lebenserfahrung ist in der Arbeit mit Kindern kein Nachteil, oft ist sie eine besondere Stärke.“
Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie „Abschluss 2026 – Menschen. Haltung. Zukunft.“, in der wir die Abschlussfeier der staatlich anerkannten Erzieherinnen und Erzieher an den Mosaik-Fachschulen aus unterschiedlichen Perspektiven begleiten.